25.05.2010

Du sollst nicht lieben Kritik + Trailer

Das gelungene Spielfilmdebüt des Regisseurs Haim Tabakman und der Drehbuchautorin Merav Doster - Du sollst nicht lieben - ist beeindruckend und aufwühlend. Absolut sehenswert.

Der vierfache Familienvater Aaron Fleischman (Zohar Strauss, Beaufort, Jellyfish, demnächst: Lebanon) ist ein angesehenes Mitglied einer orthodoxen jüdischen Gemeinde in Jerusalem. Er ist ein Mann mit Prinzipien.

Gleich zu Anfang sehen wir, dass Aaron sehr viel von Tradition und Regeln und wenig von Veränderungen hält. Während einer Tora-Diskussion sagt sein Rabbi, dass der Mensch das Leben genießen und ruhig auch einmal ein Glas Wein trinken sollte, wenn ihm danach ist. Er sollte sich das nicht verkneifen und leiden, das wäre nicht im Sinne Gottes. Aaron stimmt nicht zu. Er meint,
dass der Weintrinker sich lediglich der Herausforderung nicht stellen will. Man sollte aber die Herausforderung lieben. Wir sehen auch was passiert, wenn man die Regeln übertritt: Öffentliche Bekanntmachung der Sünder, Ausschluss aus der Gemeinde.

"Man wird nur Gottes Diener, wenn man sich der Herausforderung stellt". -- Aaron Fleischman

Nach dem Tod seines Vaters übernimmt Aaron traurig dessen Fleischerei und sucht eine Verkaufshilfe. Diese kommt auch am Tag der Wiedereröffnung des Ladens hereingeschneit: Der gutaussehende Ezri (Ran Danker) ist nach Jerusalem gekommen, um jemanden zu besuchen, kann denjenigen aber nicht erreichen und steht nun recht hilflos da.

Aaron heuert Ezri an und lässt ihn in einem Raum hinter dem Laden übernachten. Die beiden Männer gehen auch zusammen zur Tora-Stunde. Aaron beobachtet Ezri, der verzweifelt Anrufe tätigt, raucht und Skizzen anfertigt, mit wachsendem Interesse. Behutsam entwickelt sich eine Freundschaft. Als Ezri auch noch bei den Fleischmans zum Abendessen eingeladen ist, scheint alles perfekt. Aaron ist richtig glücklich, auch als aus der Freundschaft mehr wird.

"Wie lange hast du Jerusalem schon nicht mehr verlassen, Aaron?" -- Ezri

Schon kurz nach Ezris Ankunft kommt Kritik aus der Gemeinde. Wie sich herausstellt, ist er kein unbeschriebenes Blatt und wurde schon von einer anderen Gemeinde ausgeschlossen. Aaron schaltet auf stur - er liebt seine Herausforderung und kann sie mit seinem Glauben in Einklang bringen. Auch Aarons Ehefrau Rivka (Tinkerbell) bleibt die Veränderung in ihrem Mann nicht verborgen...

Wie werden sich die beiden Männer verhalten? Das ist die Frage, die uns durch den ganzen Film begleitet. Wird Aaron sich endlich dem Rabbi anschließen, der sich schützend vor ihn stellt? Wird Ezri sich von der Gemeinde zurückziehen? Welche Rolle wird Rivka in diesem Szenario eigentlich zugedacht?

Es ist schockierend, woran uns das Verhalten der Gemeinde sofort erinnert, welche Parallelen wir unweigerlich sehen - die wenigen kurzen Szenen reichen völlig aus, um uns sprachlos zu machen. Der Stein, der durch das Fenster geworfen wird, das angedrohte Boykott, die an einen Lynchmob erinnernden aufgebrachten Männer, die öffentlichen Bekanntmachungen der "Sünder"... Die Männer könnten auch richtige Uniformen tragen, nicht nur uniforme Haarschnitte und Hüte und dunkle Anzüge und dunkle Mäntel. Schockierend.

Kürzlich sahen wir in A Single Man George Falconer in seiner selbstgewählten Isolation. Wir sahen seine Erinnerungen an die guten Zeiten mit seinem Partner. Auch Aaron und Ezri leben eine Harmonie in den gemeinsamen Stunden. Stunden, bei denen wir verzweifelt hoffen, dass niemand durch die Tür kommt. Anders als das Paar in dem ebenso beeindruckenden Film Bent (kommt endlich auf DVD heraus! Link: Bent (OmU)) haben Aaron und Ezri (wie George) eine Wahl, wo und wie sie leben wollen...

Besonders erwähnen möchte ich noch eine Szene, in der Ezri von diversen Gemeindemitgliedern (samt seinem Ex-Lover) in einer Gasse angegriffen wird. Wir fühlten uns in eine andere Zeit versetzt, nämlich in die Zeit der katholischen Hexenjagden. Auch dort wurden nicht diejenigen (Männer) mit den sündigen Gedanken angeklagt, verfolgt, oder gar umgebracht, was noch irgendwie halbwegs nachvollziehbar wäre, sondern die "Hexen", die in ihnen die sündigen Gedanken "hervorriefen" bekamen den schwarzen Peter zugeschoben, wie das im Hexenhammer schön festgelegt war. Eine Anklage der rechtschaffenen Herren reichte völlig aus.

Haim Tabakman kann wirklich stolz auf sein Spielfilmdebüt sein. Im Gedächtnis bleiben wird mir u. a. der Bus, den er nach Aarons und Ezris Auseinandersetzung vorbeifahren lässt und in dem wir die aufgebrachten Glaubensbrüder gespiegelt sehen, von deren Anwesenheit wir keine Ahnung hatten. Genial. Auch die beiden Hauptdarsteller sind exzellent. Dosters Drehbuch ist einfach nur sagenhaft gut. Da werden keine Reden gehalten, die authentisch anmutenden Figuren erklären nicht via Dialog, was in ihnen vorgeht. Merav Doster widersteht auch der Versuchung, uns ihren phänomenalen dritten Akt mit Pauken und Trompeten zu präsentieren. Um so intensiver ist der Effekt, den dieser auf den gebannten Zuschauer hat.

Dass Du sollst nicht lieben von der Deutschen Film- und Medienbewertung übergangen wurde ist zwar nicht überraschend, aber trotzdem irgendwie bemerkenswert. Wir vergeben ein Besonders wertvoll...

Die DVD soll am 26.10.2010 erscheinen. Stay tuned.

Du sollst nicht lieben (OT: Einaym Pkuhot) -- Genre: Drama -- deutscher Kinostart: 20.05.10 -- Länge: 90 Minuten -- FSK: ab 12 Jahren
Drehbuch: Merav Doster
Regie: Haim Tabakman

Du sollst nicht lieben Trailer deutsch


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