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06.02.2009

Glaubensfrage Kritik - Meryl Streep, Philip Seymour Hoffman


Wenn man es nicht besser wüsste, würde man vermuten, Glaubensfrage (OT: Doubt) sei das Remake eines Dramas aus den 60er Jahren. Das ist es allerdings nicht, sondern die Adaption des mit dem Pulitzer-Preis und dem Tony ausgezeichneten Bühnenstücks Doubt: A Parable von John Patrick Shanley, das 2004 uraufgeführt wurde. Shanley selbst schrieb das Drehbuch zu Glaubensfrage und führte auch Regie, letzteres stellte sich als Nachteil heraus. Das Drehbuch und die Leistungen von Meryl Streep, Amy Adams, Viola Davis und Philip Seymour Hoffman wurden für einen Oscar nominiert (siehe Oscar-Nominierungen)

Glaubensfrage spielt in einer katholischen Schule, wir schreiben das Jahr 1964. Schwester Aloysius (Meryl Streep, Mamma Mia!, demnächst: Julie & Julia) ist eine Nonne mit viel Menschenkenntnis und Lebenserfahrung, die ihre Augen und Ohren überall zu haben scheint. Sie ist keiner der Menschen, die ihr Herz auf der Zunge tragen, ganz im Gegenteil. Ihre Fürsorge drückt sie in ihrer Strenge aus. Wie wir kurze Zeit später sehen, kämpft Schwester Aloysius wie eine Löwin, wenn sie befürchtet, dass einem ihrer Schützlinge Schaden zugefügt wird.

Vater Flynn (Philip Seymour Hoffman, Der Krieg des Charlie Wilson, Tödliche Entscheidung, demnächst: Synecdoche, New York) dagegen macht sich gerne beliebt. Er setzt sich mit den Jungs der Schule an einen Tisch und redet über ... Mädchen und Dating.

Schon gleich am Anfang sehen wir, wie die Hierarchie aussieht: Während die Nonnen genügsam ihr Gemüse verzehren und Milch oder Wasser dazu trinken, gibt's bei den Männern einen großen saftigen Braten und dazu Alkohol. Die Männer laben sich und ziehen dabei über Frauen her, z. B. eine übergewichtige Mutter aus der Gemeinde. Diese Szenen werden nebeneinander gestellt, wir sehen dahin und dorthin. Die Schwestern sind diszipliniert und reden über die Predigt. Sie unterstützen sich gegenseitig, wie man am Beispiel einer betagten Nonne sieht, deren Sehkraft nachlässt. Bei den Männern hat man eher den Eindruck, den berüchtigten "Boys Club" in Aktion zu sehen. Der Boys Club, der zusammenhält, wenn es darum geht, die Macht zu behalten und die Frauen in ihren untergeordneten Positionen zu halten. Erinnerungen an The Tudors werden wach, liegen in der Natur der Geschichte.

Schwester James (Amy Adams, Der Krieg des Charlie Wilson, Sunshine Cleaning, Nachts im Museum 2, demnächst: Julie & Julia) ist neu an der Schule und versucht, sich einzugliedern, was ihr sehr schwer fällt. Die Schüler tanzen ihr auf der Nase herum und James ist schlicht und einfach naiv und unbedarft. Doch ist es ausgerechnet James, die eine seltsame Beobachtung macht und diese an Aloysius weitergibt.

Es ist in diesem Moment, als der Verdacht zwar geäußert, aber nicht konkret verbalisiert wird, dass mich ein ungutes Gefühl beschleicht. Zum einen erinnert das unweigerlich an die Filme Infam und Infame Lügen, zwei Adaptionen des Stücks The Children's Hour von Lillian Hellman, und zum anderen wird nun klar, wie bequem und leicht es sich Shanley durch die Wahl des Jahrzehntes doch gemacht hat. Er braucht sich nicht mit neuerlichen Skandalen der katholischen Kirche zu genau diesem Thema auseinanderzusetzen, braucht nicht auf die Schadenersatzzahlungen einzugehen, die Maschinerie der Medien und Pressesprecher kann ignoriert werden, Klagen werden vermieden, etc.

Was Shanley statt dessen zeigt ist offen für die Interpretation durch den Zuschauer und so vage, dass ich es als enttäuschend empfand. Man kann, so man sich für die Materie interessiert, das Verhaltensmuster eines Täters erkennen. Schwester Aloysius spricht einen Aspekt kurz an: die Isolation des Opfers. Da der Schüler Donald (Joseph Foster) der erste und bisher einzige Afro-Amerikaner an der Schule ist, hat er die schwächste Position. Ein Gespräch mit dessen Mutter (Viola Davis, Das Lächeln der Sterne) illustriert das noch in schockierender Art und Weise. Außerdem unterhält sich Vater Flynn mit seinen Jungs auf einem für diese Altersgruppe unpassenden Level, hat Spielsachen parat und immer eine flapsige Antwort bereit. Wenn er jedoch keine Antwort hat und sich von Aloysius in die Enge getrieben sieht, fängt er an zu brüllen und wartet mit Drohungen auf. Er hat ja ziemliche Narrenfreiheit, ihm kann kaum etwas passieren. Andererseits ist ihm sein Status wichtiger als Aloysius, die ihre Werte vertritt, auch wenn's unangenehm wird.

Das Argument, mit dem Vater Flynn aufwartet, hört sich sehr rational und logisch an: Mangel an Beweisen. Das wird ja in derartigen Situationen immer gerne genommen. Sofern man die Gesundheit der Schüler riskieren will, könnte man darauf eingehen -- dabei muss man dann aber auch völlig vergessen, dass wir an einer katholischen Schule sind. Hier wird an etwas geglaubt, und zwar blind, an ein Buch und an eine althergebrachte, starre Hierarchie. Handfeste, verifizierbare Beweise sind nicht nötig. In diesem Kontext agiert Schwester Aloysius logisch, Vater Flynn ist fehl am Platz.

Vater Flynn ist ein Meister-Manipulator, der gerne von der erhöhten Kanzel Wasser auf die Gemeinde hinunterpredigt und fünf Minuten später Wein trinkt. Ist er das lästige Laub, das mit dem Wind hereinweht und wieder entsorgt werden muss?

Schwester James, die enthusiastische Neu-Nonne, die noch aus großen blauen Augen die Welt gerne so sieht, wie sie sie sich wünscht, ist völlig verloren. Sie ist total überfordert in einem Umfeld, das unerwartet auch Konflikt enthält. Mit ihr hat Flynn leichtes Spiel, sie will ja von ihm überzeugt werden. Sie ist bereit, ihr Gefühl unter den Teppich zu kehren und ihre Intuition zu verleugnen, damit nur ja wieder Friede einkehrt, was den Glauben vereinfacht. Sie steht zwischen dem Glauben und der Welt im Niemandsland. Man könnte ihr die Wiederauferstehung Christie heute genausogut verkaufen wie die Aussage, dass das völliger Schwachsinn ist, ein Houdini-Akt. Man muss es ihr nur richtig verkaufen und ihr sagen, dass sie lieb und nett und ein gutes Mädchen ist.

Unterm Strich betrachtet hätte Glaubensfrage von einem anderen Regisseur, einem frischen zusätzlichen Blickwinkel sicherlich profitieren können. Ein Blick auf den Schulhof und die Straße unterstreicht nur die relative Bewegungslosigkeit und Einfallslosigkeit in Bezug auf die einzelnen Shots.

Glaubensfrage spricht offensichtlich diejenigen Zuschauer an, die einfache und wiederkehrende Metaphern schätzen. Der Wind (also The Wind of Change) wird doch sehr bemüht und ist alles andere als subtil. Das gleiche gilt auch für die Glühbirne. Diese Holzhammer-Methode fällt im Theater nicht auf bzw. ist sogar usus, doch für den Film hätte sich Shanley etwas anderes einfallen lassen können, da hat man doch viel mehr Möglichkeiten. Das Spielzeug, das Flynn für Donald bereit hält, ist da schon interessanter. Eine Ballerina, die nach der Pfeife des Spielenden tanzen muss, sich dahin bewegt, wo er sie hinhaben will, wenn er ihr nur den Spiegel vorhält. Das macht viel Sinn, wenn man an Flynns manipulative Predigten denkt.

Interessant ist, Glaubensfrage in Zusammenhang mit Infam und Infame Lügen und dessen Entstehungsgeschichte zu sehen. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass diese beiden Filme in ihrer Aussage deshalb so verändert bzw. verhalten waren, weil es zu der Zeit nicht anders möglich war, dann muss man sich auch die Fragen stellen, die mich am meisten beschäftigt haben:

Es ist 2009 und Glaubensfrage ist der Film, der unserer Zeit entspricht? Weiter sind wir noch nicht gekommen? Wir nehmen ein wichtiges Thema und legen das so mainstream auf (man spekulierte wohl auf Oscar für Bester Film), dass man das Ganze in den 60ern ansiedeln muss? Hoffte man darauf, dass die Weigerung, eine klare Position zu beziehen und Antworten zu geben wieder einmal als künstlerisch wertvolles "offenes Ende" bewertet wird und man ein Sternchen dafür bekommt?

Was mit Flynn am Ende des Films geschieht ist Zynismus vom Feinsten, der allerdings der Realität - sogar in bestätigen Fällen - entsprechen soll. So würde ich gerne glauben, dass der Zweifel (engl. Doubt, wie der OT), den Aloysius hegt, sich nicht auf ihren Glauben bezieht oder auf die Schuldfrage, sondern auf die Institution der katholischen Kirche (der sie sich ihrem Glaubensbekenntnis nach zu unterwerfen hat, als sei es keine von Menschen geführte Organisation).

Fazit: Shanley hat in Glaubensfrage absolut nichts Neues zu sagen ... zu wenig, zu wischi-waschi, viel zu mainstream, den eigenen Stil 'mal wieder viel zu wichtig genommen, weil hey, wir machen hier K-u-n-s-t- - ein feiger Film, den man nicht gesehen haben muss.

Das erstaunt: FSK ab 6 Jahren. In den USA ist der Film wegen der Thematik erst ab 13 Jahren freigegeben, was für mich völlig nachvollziehbar ist. Kein Sex, keine Gewalt, ergo FSK 6?

Der Trailer zum Film (deutsch + englisch) ist hier: > Glaubensfrage

Glaubensfrage - Genre: Drama - deutscher Kinostart: 05.02.09 -- FSK: ab 6 Jahren
Drehbuch: John Patrick Shanley (Mondsüchtig, Überleben!) basierend auf seinem Theaterstück.
Regie: John Patrick Shanley (Joe gegen den Vulkan)

Verwandte Posts:
Oscar-Nominierungen

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22.11.2008

Glaubensfrage - Trailer + Infos - Meryl Streep

Update: > Glaubensfrage Kritik

Nachdem sie in Mamma Mia! lebenslustig war, gibt Meryl Streep in Glaubensfrage (Originaltitel: Doubt) eine erzkonservative Nonne, die sich mit Philip Seymour Hoffman anlegt.

1964. Schwester Aloysius Beauvier (Meryl Streep) ist gefürchtet, da sie sehr streng ist und Regeln aus Prinzip eng auslegt. Das bekommt auch der erste und einzige afro-amerikanische Schüler der katholischen Schule, Donald Muller (Joseph Foster), zu spüren. Doch ist Aloysius auch eine gute Beobachterin und nicht ganz unbedarft, wenn es um Psychologie geht.

Vater Brendan Flynn (Philip Seymour Hoffman, Der Krieg des Charlie Wilson, Tödliche Entscheidung, demnächst: Synecdoche, New York) ist progressiver und bei den Schülern sehr beliebt, die auch mit ihren privaten Problemen zu ihm kommen. Flynn und Aloysius sind wie Tag und Nacht.

Als Schwester James (Amy Adams, Der Krieg des Charlie Wilson, demnächst: Miss Pettigrews großer Tag, Sunshine Cleaning) moniert, dass Priester Flynn etwas zu viel Interesse an dem neuen Schüler Donald zeigt, horcht Aloysius auf. Sofort ist ihr Misstrauen geweckt, fortan werden alle Hebel in Bewegung setzt, um Flynn loszuwerden.

Es kommt zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Vater Brendan Flynn (Philip Seymour Hoffman, Der Krieg des Charlie Wilson, Tödliche Entscheidung, demnächst: Synecdoche, New York) und Schwester Aloysius.

Mit dabei: Viola Davis (Das Lächeln der Sterne), Carrie Preston (TV: True Blood, Kino: Vicky Cristina Barcelona, demnächst: Duplicity), Evan Lewis (demnächst: Two Lovers, Fighting)

Glaubensfrage - Genre: Drama - deutscher Kinostart: voraussichtlich 05.02.09
Drehbuch: John Patrick Shanley (Mondsüchtig, Überleben!) basierend auf seinem Theaterstück.
Regie: John Patrick Shanley (Joe gegen den Vulkan)

Glaubensfrage -- deutscher Trailer (2:09)



Glaubensfrage - Original-Trailer engl. (2:53)



Verwandte Titel:
Glaubensfrage - Kritik zum Film
Synecdoche, New York
Tödliche Entscheidung
Der Krieg des Charlie Wilson
Mamma Mia!
Das Lächeln der Sterne

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24.07.2008

Charlie Kaufmans Synecdoche, New York kommt in's Kino

Einer der begabtesten und vor allem kreativsten Drehbuchautoren unserer Zeit, Charlie Kaufman (Being John Malkovich, Human Nature - Die Krone der Schöpfung, Vergiss mein nicht/Eternal Sunshine of the Spotless Mind), ist unter die Regisseure gegangen. Sein Regiedebut trägt den Titel Synecdoche, New York. (Wie man das wirklich ausspricht, könnt ihr >hier anhören und auch erfahren, was das Wort bedeutet. Dass es bei der Aussprache Probleme gibt, hat sich in Cannes gezeigt, schaut Euch dazu das zweite Video unten an;) Dass es auch mit der Rechtschreibung problematisch wird, versteht sich eh' von selbst.) Synecdoche reimt sich mit Schenectady - das ist eine Stadt, die's wirklich gibt in New York (Synecdoche braucht ihr nicht zu suchen), und in der der Film zu spielen scheint. Natürlich hat Charlie Kaufman auch das Drehbuch zu Synecdoche, New York geschrieben.

Sony Pictures Classic will nun allem Anschein (und Pressemeldungen) nach den Film in die (US-) Kinos bringen, vermutlich zum Ende des Jahres. Das hört sich gut an, ist das Ende des Jahres doch - mittlerweile - die Zeit, in der die "besten" Filme des Jahres in die dortigen Kinos kommen bzw. diejenigen, für die man sich Oscar-Nominierungen erhofft. Dass das in die Hose gehen kann hat man ja bei Things We Lost in the Fire gesehen. Zwar sind die Filme dann noch frisch in der Erinnerung wenn's um Oscar geht, aber sie müssen im Dezember nicht nur gegen echt harte sondern auch neuerdings zu zahlreiche Konkurrenz antreten. Vor ein paar Jahren war das verrückte Dezember-Getümmel noch nicht so übel...

Cannes Filmfestival 2008 - Synecdoche, New York Pressekonferenz mit Charlie Kaufman, Michelle Williams, Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener und Samantha Morton. Kaufman spricht hier über seinen "kreativen Prozess", beim schreiben wie beim Regie führen. Angeblich war Synecdoche anfangs über 4 Stunden lang, wurde auf 2 Stunden und wenige Minuten gebracht (für das Cannes screening). Die in Cannes gezeigte Fassung soll allerdings nicht die endgültige Fassung sein. Man darf gespannt sein. (5:01)



Wie spricht man Synecdoche eigentlich aus? In Cannes hat man dazu Festivalbesucher befragt. Global gesehen ist die Titelauswahl zumindest.... lehrreich. Der Herr am Schluss hält die Nase in die Luft und sagt noch 'was zur Bedeutung des Wortes synecdoche.



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13.04.2008

Tödliche Entscheidung Kritik - Ethan Hawke, Philip Seymour Hoffman

Tödliche Entscheidung (9,5/10)

Genre: Drama/Thriller -- FSK: 16 -- deutscher Kinostart: 10.04.2008

Zwei Dinge vorneweg: Tödliche Entscheidung (OT: Before the Devil Knows You're Dead) ist ein sehenswerter und spannender Film. Nix wie hin und angucken, am besten in der OV. Und zweitens... Drehbuchautor Kelly Masterson ist - entgegen anders lautenden Presseberichten - ein Mann. Hihi, kann ja mal passieren. Mehr zu Kelly Masterson und dem Drehbuch gleich. Worum geht's in Tödliche Entscheidung?

Reisen, eine anspruchsvolle sexy Ehefrau und harte Drogen vom High Society Dealer - Andrew "Andy" Hanson (Philip Seymour Hoffman, Der Krieg des Charlie Wilson, demnächst: Die Geschwister Savage) finanziert sich seinen teuren Lebensstil durch "kreative Buchhaltung" an seinem Arbeitsplatz in einer Immobilienfirma. Als eine Steuerprüfung ansteht, wird Andy wieder kreativ. Er plant einen Raubüberfall auf das Juweliergeschäft seiner Eltern. Die Drecksarbeit - sprich: die Durchführung des Überfalls - soll sein jüngerer Bruder Hank (Ethan Hawke, demnächst: Tonight at Noon, Staten Island) übernehmen. Hank zu manipulieren und unter Druck zu setzen ist relativ einfach, ist der geschiedene Familienvater doch mit den Unterhaltszahlungen schon 3 Monate in Verzug und hält den Druck und sein schlechtes Gewissen eh' kaum noch aus. Hinzu kommt, dass er mit Andys Ehefrau Gina (Marisa Tomei, Wild Hogs, demnächst War, Inc.) ein Verhältnis hat und sie liebt.

Was der berechnende Andy nicht einkalkuliert hat sind Hanks Skrupel. Denn der heuert nun wiederum den Kleinkriminellen Bobby (Brian F. O'Byrne, Rezept zum Verlieben. Als nächstes in Tom Tykwers The International) an, der letztlich allein - und entgegen der Instruktionen von Hank, bewaffnet - den Überfall durchführt. Auch hat Andy sich am Tag des Überfalls nicht noch einmal rückversichert, dass tatsächlich die sehbehinderte Angestellte den Laden betreut. Beim Raubüberfall wird Bobby von Mutter Nanette Hanson (Rosemary Harris, Spiderman 3) erschossen, die selbst lebensgefährlich verletzt wird. Beute? Null. Kurze Zeit später fängt der mit der Arbeit der Polizei unzufriedene Vater Charles Hanson (Albert Finney, Das Bourne Ultimatum) an, selbst zu recherchieren. Und Mitwisser gibt es auch noch...

Völlig high sagt Andy in einer Szene zu seinem Dealer, dass in der Buchhaltung immer alle Rechnungen wunderbar aufgehen. In seinem Leben aber nicht, da stimmt die Summe nicht, nichts passt zusammen. Das Leben kann man, wie man an dieser Geschichte sieht, auch nicht so manipulieren, dass sich alles wunderbar fügt... Und wenn man den Film ganz gesehen hat, dann wird man sich nicht mehr fragen, wieso Andy so gewalttätig ist, sondern eher, woher der immer nur reagierende, naive und romantische Hank eigentlich seine Skrupel hat....

Tödliche Entscheidung funktioniert exzellent als Familiendrama mit interessanten Figuren aber auch als Thriller, der die Spannung bis zum schockierenden Ende hält.

Was besonders gut funktioniert für Tödliche Entscheidung ist der Umgang des Drehbuchautors Kelly Masterson mit Zeit und Erzählperspektive. So sehen wir zuerst den schief gelaufenen Überfall, dann springen wir 3 Tage zurück und sehen, wie Andy alles angeleiert hat. Durch den ständigen Wechsel der Erzählsperpektive erfahren wir auch viel über die Motivation von Andy und auch Hank. Ihre Entscheidungen sind völlig nachvollziehbar und machen in dem Moment für den Menschen auch Sinn, wenngleich sich hinterher die Situation dadurch noch verschlimmert. Später in der Geschichte kommt auch noch die Perspektive des recherchierenden Vaters hinzu, was die Spannung noch erhöht.

Was mich ein bisschen stört, jetzt so im Nachhinein, sind die weiblichen Figuren. Die schießwütige Mutter, die keifende Ex-Ehefrau, Bobbys Witwe, aber vor allem Gina, Andys Ehefrau und Hanks Geliebte. Gina ist eine Hure, die unter dem Deckmäntelchen des Trauscheins sich aushalten lässt und sich für den Sex den Bruder greift. Klar wird die Story getrieben von den Fehlern und Charakterschwächen der Figuren. Doch während man bei Hank und Andy nicht nur deren Fehler, sondern auch ihre Verzweiflung sieht, die Hilflosigkeit und auch die Motivation verstehen kann (zumindest bei Hank völlig), bleibt Gina die Hurenfigur, die sich meistbietend verkauft - und wenn keine Kohle mehr da ist, dann ist auch Gina weg.

Kelly Masterson schrieb das Drehbuch zu Tödliche Entscheidung schon vor 8 Jahren und hatte schon nicht mehr daran geglaubt, dass es verfilmt werden würde. Es ist sein erstes Drehbuch. Masterson schrieb nach seinem Theologie-Studium etliche Theaterstücke, für die er auch Auszeichnungen einheimsen konnte. Doch mit Drehbüchern ist es nicht so einfach wie mit Theaterstücken....

In einem Interview für die Writers Guild of America, West (also der Autorengewerkschaft) erzählt Drehbuchautor Kelly Masterson, dass er direkt vor der Arbeit an Tödliche Entscheidung den Roman Reservation Road (deutscher Titel: Eine Sekunde nur) von John Burnham Schwartz gelesen hatte. [In dem Roman geht es auch um zwei Männer, die durch eine Tragödie verbunden sind und die mit den Auswirkungen kämpfen, mit Fragen der Schuld, der Moral und Verantwortung.] Masterson war von der Erzählstruktur fasziniert und davon, wie die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive der beiden Männer erzählt wird. Die Struktur ist in der Tat ähnlich. Reservation Road wurde auch verfilmt und kommt ab 19.06.08 in deutsche Kinos unter dem Titel Eine Sekunde nur (mit Joaquin Phoenix und Mark Ruffalo in den Hauptrollen). Filminfos + Trailer dazu:>> Ein einziger Augenblick

Kelly Mastersons Drehbuch Tödliche Entscheidung wurde für mehrere Preise nominiert, unter anderem für den begehrten Indepedent Spirit Award. Auch die fabelhafte Leistung des Esemble Casts wurde für mehrere Preise nominiert und gewann den Gotham Award, den Boston Society of Film Critics Award und den Satellite. Die Performances der Schauspieler sind tatsächlich alle so gut, dass man keinen besonders hervorheben kann.

Regie-Altmeister Sidney Lumet musste den Produzenten vermutlich keine Dailies zum Absegnen vorlegen und hatte vermutlich viele Freiheiten inklusive Final Cut. Im großen und ganzen ist Tödliche Entscheidung sehr professionell gemacht. Zwei Sex-Szenen (eine mit Marisa Tomei und Philip Seymour Hoffman und eine mit Marisa Tomei und Ethan Hawke) geben dennoch Anlass zu Kritik.

Es ist schon fast lächerlich, wie sehr der 83jährige Lumet an den alten double standards festhält: Da muss Marisa Tomei nur mit einem Spitzen-Höschen bekleidet vor der Kamera herumlaufen, während Ethan Hawke auf dem Bett liegt - natürlich auf dem Bauch. Für die allererste Szene von Tödliche Entscheidung, einer Kopulations-Szene Tomei/Hoffman mit Spiegelschrank und so, wird Hoffmans Hintern gnädig mit einem Kissen halb verdeckt (vielen Dank, wenigstens das), während Frau Tomei der Welt ihre Nippel im Verlauf der Szene natürlich im Close-Up präsentieren muss. Wir würden gerne vorschlagen: wenn schon derartig überflüssige Shots sein müssen, dann wenigstens das gleiche Maß an Eye-Candy von den Männern. Ethan Hawk ist schnucklig genug. Alternativ könnte man natürlich auch mehr Zurückhaltung üben --- und sich die überflüssigen Shots zu einem Privat-Reel zusammenschneiden und für die private Peep-Show mit nach Hause nehmen. Nur so 'ne Idee.

Tödliche Entscheidung (OT: Before the Devil Knows You're Dead)

Drehbuch: Kelly Masterson
Regie: Sidney Lumet (Find Me Guilty - Der Mafiaprozess, Gloria, Sterben und erben)

Tödliche Entscheidung Cast:
Hank - Ethan Hawke
Andy - Philipp Seymour Hoffman
Gina - Marisa Tomei
Charles Hanson - Albert Finney
Nanette Hanson - Rosemary Harris
Bobby - Brian F. O'Byrne

Tödliche Entscheidung deutscher Trailer (2:21)



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22.01.2008

Der Krieg des Charlie Wilson - Filminfo und Trailer

Der Krieg des Charlie Wilson (9/10)

Der Krieg des Charlie Wilson -- deutscher Kinostart: 07.02.2008
Genre: Drama/Biographie. FSK: 12.

Drehbuch: Aaron Sorkin (Hallo, Mr. President; Malice - Eine Intrige), basierend auf dem Buch Der Krieg des Charlie Wilson von George Crile.
Regie: Mike Nichols (Hautnah, Mit aller Macht)

Der Krieg des Charlie Wilson --- Cast:
Charlie Wilson - Tom Hanks
Joanne Herring - Julia Roberts
Gust Avrakotos - Philip Seymour Hoffman
Bonnie - Amy Adams (Verwünscht)
Jane Liddle - Emily Blunt (Dan - Mitten im Leben!)

Der Krieg des Charlie Wilson - Story:

Basiert auf wahren Begebenheiten. 80er Jahre, als Texas noch der vielbeneidete Ölstaat war... Der demokratische Kongressabgeordnete Charlie Wilson (Tom Hanks, The da Vinci Code - Sakrileg, Terminal) ist durch und durch Texaner. Das sieht man seinem Büro an und auch seinen Mitarbeiterinnen (Charlie's Angels;), die auch bei J.R. Ewing im Vorzimmer sitzen könnten. Whiskey und Weiber. Politisch scheint sich der Partylöwe Wilson nicht sonderlich zu profilieren. Was ist Politik? Spiel und Deal.

Genau das macht die stellenweise äußerst witzige Geschichte so interessant oder umgekehrt. Die texanische Millionärin und enge Vertraute Wilsons, Joanne Herring (Julia Roberts, Ocean's Twelve, Hautnah; demnächst: Fireflies in the Garden), macht ihm klar - nicht ohne Körpereinsatz -, dass die Situation in Afghanistan sein Eingreifen erfordert, den russischen Kommunisten Einhalt geboten werden muss.

Mit Hilfe des CIA-Mannes Gust Avrakotos (Philip Seymour Hoffman, demnächst: Die Geschwister Savage, Tödliche Entscheidung) nimmt sich Charlie Wilson in der ihm eigenen Art der Sache an - und aus dem Schneeball wird eine (Geld-) Lawine.....

Philip Seymour Hoffman
wurde für seine Performance als Gust Avrakotos für einen Oscar als bester Nebendarsteller nominiert.

Der Original-Soundtrack, komponiert von James Newton Howard (Oscar-Nominierung für die Musik zu Michael Clayton) ist schon da: Charlie Wilson's War

Der Krieg des Charlie Wilson - deutscher Trailer


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