08.08.2008

Factory Girl Kritik

Jetzt auf DVD:> Factory Girl. Die DVD enthält u. a. "Die wahre Edie", was viele Leser bzw. Zuschauer interessieren wird, Kommentar des Regisseurs etc.

Factory Girl ist ein bio-pic über den traurigen "Aufstieg" und Absturz des ehemaligen IT-Girls Edie Sedgwick. Wer keine süchtigen Menschen kennt, nicht weiss, was erlernte Hilflosigkeit ist, keine Ahnung davon hat, wie sich Mißbrauch auswirkt, der sollte sich diesen Film als Anschauungsbeispiel unbedingt ansehen. Mich konnte er emotional leider nicht berühren. Geschichten wie diese habe ich schon zu oft im realen Leben als auch auf der Leinwand erlebt bzw. gehört und gesehen, so dass Factory Girl für mich nicht sonderlich unterhaltsam war, es hatte mir nichts Neues zu bieten.

Der Fokus von Factory Girl liegt auf den Folgen Edies schrecklicher Kindheit, Edies Beziehung zu Andy Warhol, ihre Arbeit in dessen Factory und ihr daraus resultierender Wechsel von Alkohol zu Drogen, der sie im Alter von nur 28 Jahren das Leben kostete. Auch die kurze Beziehung von Edie und Bob Dylan (Hayden Christensen, Jumper, demnächst: Awake, Virgin Territory, New York - I Love You), dessen Namen im Film nicht genannt werden darf (siehe auch hier die Filminfos, Trailer, Doku-Clip mit Edie Sedgwick), wird nicht unterschlagen.

Wenn uns Factory Girl eine wichtige Message 'rüberbringt, dann wohl die, dass wir heute wie damals die falschen Leute bewundern und vielleicht sogar kopieren. Und auch das: Die Leute, die den süchtigen Menschen in ihrem Leben mit "tough love" kommen sind meist diejenigen, die die auslösende Krise im Leben des süchtigen Menschen herbeigeführt haben.

Als Andy Warhol (Guy Pearce, demnächst: Death Defying Acts, Winged Creatures, Traitor) kurz nach der ersten Begegnung mit Edie Sedgwick (Sienna Miller, demnächst: The Edge of Love, Hippie Hippie Shake, GI Joe: Rise of Cobra) sagt, dass er noch nie eine Frau mit so vielen Problemen getroffen hat, da fragt man sich erstaunt, worauf genau diese Aussage zu diesem Zeitpunkt basiert. Darauf, dass er meinte, sie solle in seinem nächsten Film einfach sich selbst spielen und sie ihn fragte, welche ihrer Persönlichkeiten er damit meint, vielleicht?

Was unmittelbar folgt ist die Abarbeitung einer langen Liste von Fakten über Edie Sedgwick und ihre reiche und gestörte Familie, die uns von Edie erzählt werden. Eine besonders einfallslose und visuell langweilige Art, ihre traurige Lebensgeschichte umzusetzen. Deshalb wohl konnte mich der Film nicht berühren.

Andy Warhols oben erwähnte Aussage stellt sich als völlig berechtigt heraus, Factory Girl klebt ihr das Label "Opfer" auf die Stirn und von da aus kann's nur noch abwärts gehen. Denn wo ein Opfer, da sind auch Täter nicht weit. Edie ist ein Opfer ihrer Familie, Opfer der Medien und Opfer derer, die sie vermarkteten, wenn man dem Film glauben darf. Factory Girl spricht Edie ab, jemals eigene Entscheidungen für sich selbst getroffen zu haben. Möglich, wenn man die erlernte Hilflosigkeit bedenkt.

Als Edie letztlich Andy Warhol anklagt mit den Worten "You fucked me up" und schluchzt und heult, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das die Haltung des Films sein soll. Edie sagt uns, dass sie Fehlentscheidungen getroffen hat und niemanden dafür die Schuld gibt. Der Drogenmissbrauch ist nur ein Symptom, nicht die "Krankheit" selbst, das sollten wir vielleicht nicht vergessen. Die Aussage Warhols, dass er Edie kaum kannte, ist nicht so weit von der Wahrheit entfernt, genau genommen. Die Haltung, die Warhol in dem Film einnimmt - sich selbst nicht den Modedrogen auszuliefern und sich von Junkies letztlich zu distanzieren - ist nichts anderes als die Methode, die heute empfohlen wird und sich durchaus bewährt hat.

Die Logik des Films --- Junkie = Opfer --- macht Warhol (und Entourage) zum Monster. Der Film-Warhol hat sicher seinen Beitrag geleistet, auch wenn sich Viele sagen werden, wenn er's nicht gemacht hätte, dann wäre unweigerlich ein anderer gekommen. Einem Junkie die Verantwortung für sein Leben und seine Entscheidungen abzusprechen, kann's ja wohl nicht sein, auch wenn das Loslassen noch so schmerzhaft ist.

Die Parallelen zu Promis unserer Zeit, deren (gefakte und reale) Probleme die Kassen nicht nur der Paparazzi, sondern auch der Medien füllen, ist nicht zu übersehen. Britney Spears, Amy Winehouse, Paris Hilton, etc. etc.

Vielleicht ist es genau das, dieses Überangebot an fabrizierten und wahren Medienberichten über die Eskapaden und sob-stories irgendwelcher Promis aus Film, Sport und Politik, die heute schon als "News" durchgehen, was Factory Girl letztlich nicht sonderlich unterhaltsam oder aufregend macht und die Zuschauer fast schon zynisch. Alles schon -zig Mal gesehen, nur mit anderen Namen...

Factory Girl weist Längen auf, besonders für diejenigen, die nicht von Edie Sedgwick bzw. Sienna Miller fasziniert sind. Guy Pearce sieht mit Andy-Warhol-Haaren derart gut aus, dass er mir die "ich bin ja so hässlich"-Nummer nicht verkaufen kann, was nicht an seinem Spiel liegt. Der Dialog ist stellenweise nur als haarsträubend zu bezeichnen. Hayden Christensen war ein Lichtblick in der tristen Story, wird aber einen Vergleich mit dem Dylan-Cast aus I'm not There über sich ergehen lassen müssen (nicht von mir;)

Edie Sedgwicks Geschichte unterscheidet sich nicht von anderen Geschichten süchtiger Menschen. Mißbrauch durch die Familie, Aufenthalt in der psychiatrischen, Alkoholmißbrauch, Abbruch der Behandlung durch den Psychologen und weiteres Abgleiten in die Welt der Drogen, um sich zu betäuben, gefolgt von finanziellen Problemen. Immer auf der Suche nach Heilung, nach Liebe und Anerkennung. Oder eine Therapie nach der anderen, Erfolg immer nur von kurzer Dauer. Die Therapie hat, wenn ich 'mal so drüber nachdenke, schon einige das Leben gekostet. Einige Zeit clean und sober gewesen, dann ein Ausrutscher, den der entwöhnte Körper nicht verkraftet hat.... Überdosis. Fehleinschätzung dessen, was man dem Körper zu diesem Zeitpunkt geben konnte oder extrem reiner Junk.

Edie Sedgwick hatte die Möglichkeit, durch nutzen ihres kreativen Talents sich selbst zu helfen, doch diese Chance hat sie nicht wahrgenommen. Sie brauchte Menschen, Menschen, Menschen und lernte einfach nicht, dass man denen nicht sein Leben anvertrauen kann, sondern sein Leben selbst in die Hand nehmen muss. In der Psychologie gibt es für dieses Verhalten die Bezeichnung Learned Helplessness - also erlernte Hilflosigkeit. Antrainiert durch den Gewalttäter....

Factory Girl drängt uns diese Frage auf: Sind wir für unsere Mitmenschen verantwortlich? Anders ausgedrückt: Dürfen wir einem anderen erwachsenen Menschen unseren Willen aufzwingen, wenn das zu seinem Wohle wäre? Lehren der Suchtforschung scheinen den Erfolg von Therapie als Zwangsmaßnahme zu verneinen. Traurig, sicher.

Man könnte auch andere Fragen stellen. Zum Beispiel, warum kein Geld da ist, wenn's um das Thema Gewaltforschung geht, warum es immer noch keine erfolgreiche Therapie für Gewalttäter gibt. Ach ja, das lässt sich ja nicht so klasse vermarkten wie etwa der ganze Pop-Psycho Bücherberg zum Thema Liebe, Beziehung und Ehe oder "Selbstbewusstsein".... Oder Filme und Bücher über Promis. Schon klar.

Deutscher Kinostart: 06.08.2008 -- FSK: ab 12
Drehbuch: Captain Mauzner aka Josh Klausner, Story: Mauzner, Aaron Richard Golub, Simon Monjack.
Regie: George Hickenlooper

Factory Girl Cast:
Edie Sedgwick - Sienna Miller
Andy Warhol - Guy Pearce
Musiker - Hayden Christensen
Chuck - Jimmy Fallon (demnächst: The Garden of Eden, The Fear of Getting to Know Us)
Gerard Malanga - Jack Huston (demnächst: Outlander, Boogie Woogie)
Brigid - Tara Summers (Love Lies Bleeding, TV: Boston Legal)
Richie Berlin - Mena Suvari (demnächst: The Garden of Eden)

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